
Wie wurde NS-Unrecht vor Ort juristisch aufgearbeitet? Die Veranstaltung „Der Hagener Sobibor-Prozess“ am 6. Mai 2026 im Museumsquartier Hagen rückt einen bislang kaum aufgearbeiteten Schlüsselprozess der Nachkriegszeit in den Fokus – und verbindet Zeitzeugengespräch und aktuelle Forschung zu einem gemeinsamen Blick auf die juristische „Vergangenheitsbewältigung“.
Akteure der Kooperation

„Dass im Dezember 1966 einer der bedeutendsten Prozesse gegen die Vernichtungslager der „Aktion Reinhard“ am Hagener Landgericht zuende ging, ist noch kaum aufgearbeitet. Das Stadtarchiv Hagen veranstaltet in Kooperation mit dem Institut für Geschichte und Biographie einen Diskussionsabend, bei dem in Anwesenheit eines Zeitzeugen zentrale Aspekte des Hagener Sobibor-Prozesses der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ende Mai wird dazu auch ein Forschungsseminar für Studierende des Bachelorstudiengangs Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte stattfinden, bei dem die Lehrenden des IGB vom Stadtarchivar Rainer Blank unterstützt werden.“

„Die Entnazifizierung und die Verfolgung von NS-Verbrechen setzten unmittelbar nach dem Zusammenbruch des NS-Staates im Frühjahr 1945 ein. Sie gehörten zu den wesentlichen Zielen der Alliierten, um die deutsche Bevölkerung einer möglichst umfassenden politischen und gesellschaftlichen Säuberung zu unterziehen. Das durch die britische Militärregierung im August 1945 wiedereröffnete Landgericht in Hagen spielte in der später als „Vergangenheitsbewältigung“ umschriebene juristische Aufarbeitung und Strafverfolgung eine lokal und regional, aber auch überregional wichtige Rolle. Neben Prozessen gegen Einzeltäter kam es auch in den 1950er Jahren zu Verfahren gegen Angehörige der Gestapo und des SD sowie Wehrmachtsangehörige wegen Massentötungen von vorwiegend ausländischen Arbeitskräften in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der Hagener Sobibor-Prozess 1965/66 repräsentiert eine zweite Phase der juristischen Aufarbeitung unter deutscher Verantwortung von NS-Verbrechen, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern stattgefunden haben. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965 sowie die folgenden Prozesse vor den Landgerichten in Hagen (1965/66: Sobibor), Treblinka (1964/65: Düsseldorf), Belzec (1963-1965: München) und Majdanek (1975-1981: Düsseldorf) sowie weitere sich bis in die 1980er Jahre anschließende Verfahren sollten die Vernichtungslager der von Frühjahr 1942 bis Herbst 1943 laufenden „Aktion Reinhard“ aufarbeiten. Hinzu kamen in Hagen bis 2014 mehrere Prozesse gegen Einzeltäter von NS-Kriegsverbrechen, die teilweise ein internationales Medienecho gefunden haben. Die Veranstaltung „Der Hagener Sobibor-Prozess – Begegnungen mit dem Holocaust“ am 6. Mai 2026 wird nicht einen der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, der zudem das Verfahren anwaltschaftlich begleitet hatte, zu Worte kommen lassen, sondern auch aktuelle Forschungen zum Themenschwerpunkt vorstellen. Es soll der Auftakt zu weiteren interdisziplinären Kooperationen zwischen dem Stadtarchiv Hagen und der Fernuniversität Hagen sein, die sich ab 2027 z.B. der Entnazifizierung und ihre Wirkung auf die Stadtgesellschaft in Hagen widmen werden, um einen Forschungsbeitrag zur aktuellen Neubewertung der justiziellen „Vergangenheitsbewältigung“ zu geben.“


